Gehört werden, mitgestalten, sicher unterwegs sein – ein Gespräch mit Bezirksstadträtin Annika Gerold.
Gendergerechte Mobilitätspolitik hat den Anspruch, unterschiedliche Lebensrealitäten und deren Mobilitätsbedarfe mitzudenken. Besonders deutlich werden diese Unterschiede bei Menschen, die Sorgearbeit leisten – ein Großteil davon sind Frauen. Ihre alltäglichen Wege unterscheiden sich erheblich von denen jener Menschen, die einem klassischen Vollzeitjob nachgehen und täglich zwischen Wohn- und Arbeitsort pendeln. Sorgearbeitende Frauen kombinieren häufig verschiedene Verkehrsmittel: Sie nutzen überdurchschnittlich oft Bus und Bahn, das Fahrrad oder sind zu Fuß unterwegs. Sie müssen Kinder zur Kita, Schule oder Training bringen, nach der Arbeit Einkäufe erledigen oder pflegebedürftige Angehörige zur Arztpraxis begleiten. Diese Wege müssen häufig spontan angepasst werden und variieren stark – abhängig vom aktuellen Bedarf. Wie der Bezirk dabei unterstützen kann, haben wir die Bezirksstadträtin für Verkehr, Annika Gerold, gefragt:
In Xhain gibt es verschiedene Projekte zur Verkehrsberuhigung, das größte ist zur Zeit die Verkehrsberuhigung im Ostkreuz-Kiez. Inwieweit sind die Aspekte einer gendergerechten Mobilitätspolitik in die Planung eingeflossen? Wie werden sie umgesetzt?
Annika Gerold: Nach wie vor ist die Mehrheit der Autos auf Männer zugelassen (laut Zahlen aus September 2024 beträgt der Anteil der Männer 62 Prozent), auch beim Carsharing sind sie häufiger registriert. Männer fahren ungefähr doppelt so viel Auto. Die Zahlen zeigen auch, dass Frauen mehr zu Fuß gehen und häufiger den ÖPNV benutzen. Wenn wir also für mehr Verkehrsberuhigung sorgen, stärken wir insbesondere diejenigen im Straßenverkehr, die besonders häufig zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind. Ich möchte eine inklusive Verkehrspolitik umsetzen, die alle Menschen im Blick hat. Es geht mir auch aus unserer feministischen Perspektive heraus darum, Mobilität als Grundrecht für alle zu garantieren. Für Menschen jeglichen Geschlechts, jeden Alters und mit unterschiedlichen Bedürfnissen – sicher und barrierefrei für alle. Deshalb möchte ich unseren Bezirk sicherer machen, den Raum neu verteilen und die Autostadt Geschichte werden lassen.
Mit welchem Verkehrsmitteln legen die Bewohner*innen von Xhain bislang hauptsächlich ihre Wege zurück? Welche Rolle spielt da das Auto?
Annika Gerold: Über 80 Prozent aller täglichen Wege werden in Xhain zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV zurückgelegt. Der Motorisierungsgrad in Xhain ist sehr niedrig: Nur etwa ein Drittel der Haushalte in Friedrichshain-Kreuzberg hat ein Auto; auf 1.000 Einwohner*innen kommen in Xhain 171 Pkw, das ist der geringste Wert in Berlin.
Was wird sich konkret verbessern für Familien mit Kindern? In der Bezirksregion Frankfurter Allee Süd gibt es über 5.500 Haushalte, in denen Kinder wohnen.
Annika Gerold: Verkehrsberuhigung erhöht die Verkehrssicherheit und trägt somit zum gesetzlichen Ziel der Reduktion schwerer Verkehrsunfälle, der „Vision Zero“, bei. Bei mehr Verkehrssicherheit fühlen sich Menschen sicherer und nehmen häufiger das Fahrrad oder gehen zu Fuß. Das gilt insbesondere auch für Kinder oder ältere Menschen.
Wo sind aber auch Grenzen in dem, was der Bezirk machen kann? Wie steht es um die unterschiedlichen Zuständigkeiten von Bezirk und Senat und welche Probleme bringen sie?
Annika Gerold: Kurz gesagt ist der Bezirk im Nebenstraßennetz zuständig und der Senat auf den Hauptstraßen. Das heißt, wenn es um unsere Hauptstraßen geht, sind wir auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Senat angewiesen. Der aktuellen CDU-Senatorin sind aber eher die Bedürfnisse von Autofahrenden als die von Radfahrenden oder Zufußgehenden wichtig. Deshalb konzentrieren wir uns mit unseren Vorhaben gerade auf die Nebenstraßen.
Nicht alle Menschen haben die Kapazitäten, um sich in die Verkehrswende aktiv einzubringen. Wie kann es gelingen, dass auch diejenigen gehört werden, die nicht so laut sind wie andere?
Annika Gerold: Im Beteiligungsverfahren für den Ostkreuzkiez haben wir – wie auch in anderen Verfahren – neben der allgemeinen Beteiligung, die online und offline stattfand, zusätzlich zielgruppenspezifische Beteiligung durchgeführt. Hierbei standen Kinder und Jugendliche, ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen sowie Gewerbetreibende als Zielgruppen im Fokus. Zielgruppenspezifische Ansprachen, niedrigschwellige Beteiligungsveranstaltungen oder auch die Ansprache über Akteure im Kiez (z. B. Nachbarschaftszentren) können unterstützen, möglichst viele Menschen zu erreichen. Nicht alle Menschen haben aufgrund ihrer persönlichen Lebensumstände die Zeit, sich umfangreich zu informieren oder zu beteiligen. Hier ist es unsere Aufgabe, mit entsprechenden Formaten Angebote zu schaffen. Ganz auflösen lässt sich dies aber nicht.
Beitrag von Cornelia Lange, Bürgerdeputierte, aus dem Xhain-Stachel Nr. 76, 2025/2